Unfrisiertes

30.07.2005

There’s no business like…

Filed under: Kurioses, Betriebswirtschaftliches - Rayson @ 20:51

Manchmal habe ich den Eindruck, als stehe die Nutzung von Präsentationssoftware wie MS Powerpoint in einem direkt proportionalen Verhältnis zur Debilität im oberen und mittleren Management. Die Zeit, die heutzutage für Problemlösungen und Neuentwicklungen aufgewendet wird, scheint nur noch halb so lang zu sein wie jene, die man braucht, um sein Werk irgendwelchen “Entscheidungsträgern” begreiflich zu machen. Das verbale Verständnis im Management dürfte, den allgemein üblichen Richtlinien für solche Vorlagen nach zu urteilen, sich ungefähr auf Kindergartenniveau zurückentwickelt haben. Nie mehr als fünf Worte auf einer Seite, aber viele, viele Bildchen. Statt Enten und Elefanten jetzt Strichmännchen und Pfeile - immerhin ist eine gewisser Gewinn an Abstraktionsfähigkeit im Vergleich zu Vierjährigen nicht zu leugnen.

Und so sitzen sie denn freitags alle im ICE mit ihren aufgeklappten Laptops, zimmern sich die Bildershow für ihren Klon des Dilbert-Bosses zusammen und nennen das Ganze dann Arbeit.

Brummer

Filed under: Persönliches, Kurioses - Rayson @ 20:38

Kann mir mal einer erklären, warum diese dicken Brummer zwar durch meine weit geöffnete Balkontür in die Wohnung hineinfliegen können, in der umgekehrten Richtung aber jede Möglichkeit nutzen, sich durch einen schmalen Spalt hindurch zwischen geöffneter Tür und Vorhang selbst einzukesseln? Um dann unermüdlich brummend ihr freiwillig gewähltes Schicksal zu beklagen?

29.07.2005

Vegetarier und Schlächter

Filed under: Kurioses - Rayson @ 20:57

Dann noch eine Frage in den Raum: Wie kommt es eigentlich, daß nahezu alle großen Schlächter und Massenmörder der Weltgeschichte Vegetarier waren und ausgewiesene Tierfreunde, wohingegen gerade diejenigen, die sich immer und überall aktiv den Terrorregimen entgegengestellt haben, leidenschaftliche Fleischfresser waren (mein Lieblingsbeispiel ist hier Churchill…)? Hat das was damit zu tun, daß man ein wenig Weltverbesserer sein muß, um vegetarisch zu leben und alles was z.B. Hitler sonst noch tat in seinen Augen ja auch eine Form von Weltverbesserung war? Während Leute wie Churchill ein sehr unromantisches (man kann auch sagen: realistisches) Bild von der Welt haben / hatten und so weder zu Massenmord aus ideologischen Gründen noch zu Vegetarismus neigen? Gibt es da sowas wie eine einheitliche geistige Grundhaltung?

Das fragt sich der Nachwuchsidiot am Schluss einer kleinen Betrachtung über die Gewährspersonen der Vegetarier und Veganer. Und ich frage mich auch.

28.07.2005

100 Tage Benedikt XVI

Filed under: Kirchliches - Rayson @ 19:38

Nach Kardinal Meisner ist nun der neue Papst dran. SPON ist enttäuscht, dass da so wenig Medienwirksames rüberkommt, und straft den Papst durch die enttäuschten Urteile deutscher Links-Liberaler.

Und die ist groß: Weder führt er die Zulassung Geschiedener zur Kommunion (das ärgert SPON) wieder ein, noch schafft er das “Kondom-Verbot” ab (das ärgert den emiritierten Theoiogen Herrmann) oder wettert gegen den globalen Kapitalismus (das ärgert - na? - Heiner Geissler). Auch dass Ökumene gefälligst nur als Verständigung mit den Protestanten zu verstehen sei und nicht etwa mit den Orthodoxen (das ärgert die “Kirche von unten”), will einfach nicht in seinen Kopf. Unerhört, schließlich hat man doch mit dem Kircheneintritt das Recht erworben, die Religionsinhalte mitzubestimmen…

Ich könnte das ja entspannt sehen, schließlich habe ich mich gegen einen unfehlbaren Papst entschieden und für meine Kirche sind einige der Punkte auf der üblichen Beschwerdeliste kein Thema mehr, aber das wäre zu einfach. Was mich stört, ist dieser grundlegende Mangel an religiösem Verständnis (oder der Unwille dazu), der solche Artikel zu überflüssigen macht. Deswegen noch einmal ins Stammbuch: Eine Religion, die sich den gesellschaftlichen Moden oder auch nur Überzeugungen anpasst, hat keine weitere Daseinsberechtigung. In Teilen des Protestantismus wird diese Konsequenz auch offensichtlich. Natürlich darf man als Christ auch zu anderen Meinungen kommen als sie von der Glaubenskongration vertreten werden, bloß eben nicht nur, weil das gesellschaftlicher Mainstream ist, sondern weil es dafür Gründe in Schrift und/oder Tradition der Urkirche gibt. Wer von Christen anderes verlangt, respektiert sie nicht mehr als solche.

Ich will mich jetzt auch nicht groß darüber auslassen, inwieweit dieser von mir bedauerte Mangel mit dafür verantwortlich ist, dass es an der wirklich notwendigen Gesprächsbasis mit grundsätzlich friedliebenden Muslimen fehlt. Wenn wir ihm nur unter der Drohung von terroristischer Gewalt abzuhelfen bereit sind, sollten wir es lieber lassen.

Spät geht er…

Filed under: Wirtschaftliches - Rayson @ 18:15

… doch er geht. Natürlich ist damit Jürgen Schrempp gemeint. Der Umstand, dass sich ein derartiger Wertvernichter so lange zu durchaus üppigen Bezügen (die “mussten” ja an die von Chrysler “angeglichen” werden) an der Spitze eines der größten deutschen Unternehmen halten kann (und im letzten Jahr sogar noch seinen Vertrag bis 2008 verlängert bekam), beweist vor allem eins: Dass es nicht die Eigentümer sind, die in den großen deutschen Aktiengesellschaften das Sagen haben, sondern eine Managerkaste, die dann gerne auch mal mit der Arbeitnehmerseite in Aufsichtsrat und Betriebsrat mauschelt und Verträge zu Lasten Dritter, also bevorzugt der Aktionäre, abschließt.

SPD schützt Schwarze

Filed under: Politisches - Rayson @ 17:04

Gerade stolpere ich wieder einmal über die Seite, auf der echte oder eingebildete Promis ihre Unterstützung für die SPD bekunden, und wo einem unter anderem die Überraschung geboten wird, dass eine SPD-Oberbürgermeisterin tatsächlich bei der Bundestagswahl auch SPD wählen will. Das scheint wohl nicht mehr die Regel zu sein.

Richtig nachdenklich wurde ich beim folgenden Text zu Mo Asumang, “Moderatorin und Schauspielerin”:

Für Mo Asumang als schwarze Deutsche bedeutet eine SPD-geführte Bundesregierung auch persönliche Sicherheit.

Was will uns der Autor dieses Satzes mitteilen? Dass unter einer CDU-geführten Bundesregierung die Jagd auf Schwarze freigegeben wird? Ist das jetzt nur übelste Propaganda oder verstehe ich da etwas falsch?

Ostkompetenz

Filed under: Politisches - Rayson @ 12:58

Ob es mir als Wessi ansteht, die Gehässigkeit zu mögen, mit der das “Ad hoc“-Weblog des Handelsblatts begründet, warum nur die PDS über echte Ostkompetenz verfügt, weiß ich zwar nicht so richtig, aber ich maße es mir dann eben mal an…

Nun wollen Sie wissen was Ostkompetenz ist? Nun, es handelt sich dabei in erster Linie um die Fähigkeit, einen Staat in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ruin zu treiben oder wahlweise um die Fähigkeit, aus diesen Trümmern blühende Landschaften erstehen zu lassen. Womit bewiesen wäre, dass tatsächlich nur die Mitglieder der SED-Nachfolgepartei PDS und hier auch nur die mit einem alten SED-Parteibuch in der Schublade, über die wirklich echte Ostkompetenz verfügen.

Andrea Nahles und die MS Deutschland

Filed under: Politisches - Rayson @ 11:04

Bei “Alexander und der gordische Knoten” ist ein höchst amüsanter Kommentar nachzulesen, den jemand als Antwort auf die zu erwartende Kritik von Andrea Nahles am FDP-Parteiprogramm in ihrem Blog geschrieben hat.

27.07.2005

Die Terroristen sind unter uns

Filed under: Kirchliches - Rayson @ 21:29

Der “Spiegel” hat eine neue Bedrohung unserer freiheitlichen Grundordnung ausgemacht. Einen “gefürchteten” “Gotteskrieger”, “Fundamentalisten” und “Hardliner”. Ein Fall fürs BKA? Sekunde.

Es geht um den Kölner Kardinal Meisner. Offensichtlich handelt es sich hier um einen wenig reformfreudigen Katholiken, doch dass er die Lehren seiner Kirche nicht vertreten würde, kann man ihm kaum nachsagen. Gut, ein wenig vorkonziliare Gesinnung mag schon auch im Spiel sein - nicht ohne Grund hat der Mann Probleme mit Kardinal Lehmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Interessant ist aber vor allem, welche Maßstäbe unser lieber “Spiegel” an katholische Bischöfe anlegt. Wer “Abtreibung, Gleichberechtigung für Homosexuelle und sexuelle Libertinage” nicht befürwortet, sondern sich sogar dagegen ausspricht, ist anscheinend semantisch schon auf das Niveau eines Osama bin Laden zu setzen. Ich weiß nicht, ob sich der “Spiegel” dessen bewusst ist, aber wer auch immer seine Mitgliedschaft in der römisch-katholischen Kirche hinreichend Ernst nimmt, kann nicht anders, als in diesen Punkten dem Kardinal Meisner beizupflichten.

Mir ist unverständlich, warum säkulare Linke bis Liberale von einer Institution wie der römisch-katholischen Kirche erwarten oder gar verlangen können, dass sie ihre Werturteile übernehmen solle. Das geht nicht ohne Selbstaufgabe, so einfach ist das. Eine Kirche, die sich nur dem Zeitgeist anpasst, hat nichts mehr mit Gott zu tun. Egal, wie man die Haltung der römisch-katholischen Kirche zu bestimmten Fragen beurteilt - als Christen können wir unsere Maßstäbe nur aus dem beziehen, was uns die Schrift und (so sieht es meine Richtung) die Tradition der Urkirche bezeugt. Und selbstverständlich kommen Christen auf dieser Basis durchaus zu anderen Auffassungen als der besagte Kardinal Meisner - nur müssen wir um Verständnis bitten, dass wir nicht jede gesellschaftlich herrschende Auffassung deswegen gleich voll und ganz übernehmen. Damit müssen wir und der “Spiegel” vielleicht leben.

Dass die Wortwahl des Artikels und die kaum versteckten Seitenhiebe des Autors den Meisnerschen Konservatismus gerade in diesen Tagen in die Nähe islamistischer Selbstmordattentäter rücken, ist für alle Gegner des Kardinals ein herber Rückschlag. Für solche Freunde können sich kritische Katholiken nur bedanken.

26.07.2005

Kapitalismus und Feuilleton

Filed under: Politisches - Rayson @ 22:43

Der Autor Jens Jessen hat im Feuilleton der “Zeit” einen Artikel über die “Zukunft des Kapitalismus” geschrieben. Was soll man hier den Verrissen von Statler & Waldorf oder im Streiflicht noch hinzufügen?

Eigentlich nichts. Man kann sie höchstens ergänzen. Ein entscheidendes Manko des Textes ist, dass er an keiner Stelle definiert, was “Kapitalismus” im Sinne des Verfassers eigentlich ist. Wenn man den Satz

Fest steht allerdings, dass die Zustimmungsraten für den Kapitalismus überall auf der Welt, und selbst in seinen westlichen Ursprungsländern, dramatisch gesunken sind.

liest, wird es offensichtlich. Ich jedenfalls hätte erhebliche Mühe, die Systeme der meisten europäischen Staaten als “kapitalistisch” zu bezeichnen. Das Formalkriterium des Privateigentums an Produktionsmitteln ist in diesen Ländern durch vielfältige staatliche Vorschriften längst durchlöchert bis weitgehend außer Kraft gesetzt. Tendenz unklar.

Ein wichtiger Ausgangspunkt der Jessenschen Argumentation scheint dieser Absatz zu sein:

Selbst die Wirtschaftsführer, die in den Talkrunden des Fernsehens sorgenvoll ihr Haupt wiegen, beteuern glaubwürdig, dass sie dem System des freien Marktes ausgeliefert und in ihren Entscheidungen ohne Spielraum seien. Sie wollen keine Massenentlassungen vornehmen, aber die Kapitalrendite fordere es; sie wollen keine Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, aber die Konkurrenz erzwinge es; sie wollen Firmen weder schließen noch ausweiden, aber die Börse mit ihrem unerbittlichen Blick auf den Aktienkurs mache es leider unausweichlich.

Das ist ein erstaunlicher Umstand. Die Beschreibung des Kapitalismus als System unausweichlicher Zwänge war in der Vergangenheit stets Sache der linken Kapitalismuskritik.

Das ist eine Fehldiagnose. Was die “Wirtschaftsführer in den Talkrunden” als Rechtfertigung nennen, sind keine “unausweichlichen Zwänge” im Marxschen Sinn. Es ist lediglich das Ergebnis des Zusammentreffens ihrer eigenen Wünsche mit denen vieler Anderer. Populäres Beispiel: Es gibt keinen Zwang für eine Bank, 25% Kapitalrendite zu erreichen. Es gibt aber auch keinen Zwang für ihre Eigentümer, ihre Anteile zu behalten. Und es gibt keinen Zwang, das aktuelle Management weiter zu beschäftigen. Weil aber die “Wirtschaftsführer” gerne ihre Jobs behalten möchten, sie die Wahrscheinlichkeit dazu eher bei der aktuellen Eigentümerstruktur sehen, und diese ihrer Meinung nach nur bei einer Eigenkapitalrendite über 25% vor größeren Änderungen verschont bleibt, ist für sie das, was sie tun, “unausweichlich”. Jeder beliebige Aktionär der Bank, und jeder beliebige andere Marktteilnehmer kann und wird das anders sehen. Ob die Analyse des Managements stimmte, wird der Markt zeigen. Vielleicht war das “Unausweichliche” auch nur schlicht ein Irrtum.

Von dieser aus Eigeninteresse und eigenwilliger Lagebeurteilung abgeleiteten “Unausweichlichkeit” der individuellen Entscheidung auf einen historische Determiniertheit zu schließen, erfordert schon eine gehörige Portion intellektueller Unverfrorenheit.

Ich verlange von keinem Feuilletonisten dieser Welt, sich mit den Grundlagen der Volkswirtschaftslehre beschäftigt zu haben. Aber dann sollte er bitte wenigstens nicht auch noch so tun:

Die Regeln des freien Marktes sind ihnen keine Regeln, die sich die Gesellschaft gegeben hat (und also auch wieder nehmen könnte), sondern ewige Kräfte, vergleichbar der Schwerkraft, gegen die aufzubegehren sinnlos ist.

Die Volkswirtschaftslehre hat spätestens seit Adam Smith, ausgehend von einigen wenigen Prämissen, Modelle aufgestellt, die ökonomisches Handeln beschreiben und erklären sollen. Es sind nur die Modelle übrig geblieben, die von der Realität nicht widerlegt wurden, und zwar systemunabhängig. Und die Konstanz, die hier zu beobachten ist, lässt in der Tat an naturwissenschaftliche Gesetze erinnern.

Das Konstrukt von “der Gesellschaft” ist in diesem Zusammenhang sehr erklärungsbedürftig. Setzt es den einheitlichen Willen aller voraus oder nur den Mehrheitsentscheid über die Minderheit? Wie uns die Realität der Staaten lehrt, die versuchen, die marktwirtschaftlichen Gesetze auszuhebeln, brechen diese sich in vielfältiger Form, bis hin zu den sog. Schwarzmärkten, Bahn. Das heißt also doch: Wer die Regeln des freien Marktes “nehmen” will, muss dies in absoluter, totalitärer Weise tun.

Unverständlich, warum Jessen sich dann in seiner eigenen, kunstvoll gewobenen Struktur verheddert und mit dem zu Beweisenden argumentiert:

Eine solche Behauptung ewiger Gesetze, nach denen sich die Zukunft vorhersagen lässt, ist nun freilich nach der klassischen Definition Hannah Arendts das wesentliche Kennzeichen aller totalitären Bewegungen.

Die Volkswirtschaftslehre behauptet weder, “ewige” Gesetze erkannt zu haben, noch, die “Zukunft vorhersagen” zu können. Sie stellt nur die für Ideologen wie Jessen vielleicht unangenehme These auf, dass, wer Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die empirisch zu belegen sind, negieren will, dafür sehr, sehr gute Gründe anführen sollte. Und die Vorhersage der Zukunft erschöpft sich in der einem kritischen Rationalisten nicht ungewöhnlichen, aber nichtsdestotrotz widerlegbaren These, dass morgen dieselben Gesetze gelten werden wie heute.

Nun kommt auch noch die vielleicht der alten Imperialismus-Theorie geschuldete These, “der Kapitalismus” müsse die für seine Existenz angeblich zwingend nötige konsumorientierte Wirtschaft notfalls mit Krieg verbreiten.

Nichts war dafür bezeichnender als das Triumphgeheul, das amerikanische Medien angesichts von Transistorradio hörenden, Coca-Cola trinkenden und Kaugummi kauenden Afghanen anstimmten; es schien für einen Augenblick, als sei der ursprüngliche Kriegszweck, die Befreiung von einem Terrorregime, vollkommen verblasst hinter dem Sieg westlicher Konsumkultur.

Die Erkenntnis, dass das Wachstum der Weltwirtschaft im Allgemeinen und das der USA im Besonderen von den afghanischen Konsumenten abhängt, hat Jessen allerdings exklusiv.

Auch die Kritik am Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie wird auf eher erbärmliche Weise vorgebracht:

Die souveräne Ausblendung des Umstands, dass der Kapitalismus bisher auch in Diktaturen blendend gedieh und vom Apartheid-Regime in Südafrika nicht ernstlich behindert wurde, zeigt vielleicht am deutlichsten, dass es hier nicht um Empirie, sondern um Demagogie geht.

“Der Kapitalismus gedeiht” in Diktaturen alles andere als “blendend”. Entsprechende Beweise bleibt Jessen vorsichtigerweise schuldig. Aber vielleicht hat er eine andere Definition von “blendend” als Sie und ich. Ich jedenfalls finde die besten kapitalistischen Erfolgsstorys fast ausschließlich in jenen Ländern, die freie Wahlen ermöglichen. Witzig finde ich dagegen den Bezug auf Südafrika. Tatsächlich, das Apartheid-Regime hat den Kapitalismus nicht “ernstlich behindert”. War das aus dessen Sicht etwa eine gute Entscheidung?

An einer anderen Stelle schimmert ein wenig der Grund für Jessens gepflegte Kapitalismus-Abneigung durch:

Hierin liegt der Grund für die eigentümliche Kulturfeindlichkeit des neuen Kapitalismus, der überall die intellektuellen und potenziell kritischen Formen der Hochkultur zugunsten einer dumpfen Massenunterhaltung unterbinden möchte (angeblich, weil die Hochkultur nicht konkurrenzfähig sei).

Der Mann hat einfach Angst um staatliche Kultursubventionen.

Aber Ahnung von Wirtschaft hat er definitiv nicht:

…dann erhält man die ziemlich genaue Charakteristik einer Firma, die sich nach Maßgabe des Shareholder-Values flexibel am Markt, das heißt sprunghaft, ungebunden und ohne jede Rücksicht auf Mitarbeiter und Kunden bewegen kann.

Den “Shareholder Value” erhöhen ohne Rücksicht auf Kunden - ich glaube, Millionen von Unternehmen würden Jessen diesen Königsweg gerne abkaufen. Ich übrigens - als mein eigener Shareholder - auch. Und dass man auf motivierte Mitarbeiter angewiesen ist, wird jeder wissen, der tatsächlich den Wert des Unternehmens erhöhen möchte.

Also - was bleibt von diesem Artikel? Für mich nur die Bestätigung, ein Blatt weitgehend zu ignorieren, dass sich solchen Quatsch leistet.

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