Unfrisiertes

25.07.2005

Zynische Wahrscheinlichkeiten

Filed under: Politisches - Rayson @ 18:29

Amigoboom meint zu der tragischen Erschießung des Brasilianers Jean Charles de Menezes:

If it walks, talks, and quacks like a duck during duck season, it’s gonna get shot

Da ist wohl leider etwas Wahres dran. Apollon und Boche haben den unmenschlichen Zwiespalt, der die Londoner Polizei beherrscht, meines Erachtens ganz gut beschrieben. Nüchtern betrachtet geht es hier um Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Die Londoner Polizei steht, wenn sich jemand so verhält, wie es für Selbstmordattentäter typisch ist, vor einer unsicheren Situation. Nehmen wir den konkreten Fall. Die Polizei beobachtet ein Gebäude und soll die Personen, die aus diesem Gebäude herauskommen, darauf untersuchen, ob es sich um zur Tat bereite Selbstmordattentäter handelt.

Also gilt die sog. “Nullhypothese“: Die verdächtige Person ist ein zur Tat entschlossener Selbstmordattentäter.

Die Hypothese muss durch Indizien überprüft werden. Die Polizei findet folgende Anhaltspunkte: eine für Briten bei den zum fraglichen Zeitpunkt herrschenden Temperaturen ungewöhnlich dicke Jacke, ein “südländisches Aussehen”, eine offensichtliche Hast, ein Nichtbefolgen der Aufrufe der Polizei und schließlich das Rennen auf eine U-Bahn zu.

Jetzt kann sie zwei Arten von Fehlern begehen, den Fehler 1. Art (Alpha-Fehler) oder den Fehler 2. Art (Beta-Fehler). Wenn sie zu dem Schluss kommt, die Person sei kein Attentäter (also die Nullhypothese ablehnt), sich dabei aber irrt (Fehler 1. Art), sterben wahrscheinlich mehrere Menschen, inkl. des Attentäters. Wenn sie die Person aber fälschlich für einen Selbstmordattentäter hält (Annahme der Nullhypothese, Fehler 2. Art), muss “nur” sie unschuldig sterben. Für welchen Fehler würden Sie sich entscheiden?

Wer einen Spamfilter nutzt, wird vielleicht die Methode des “Scorings” kennen. Mit jedem zusätzlichen Spam-Merkmal steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Filter eine bestimmte Nachricht als Spam ablehnt. Dadurch sollen Fehler 2. Art vermindert werden. Dass ein unbescholtener Mensch wie Jean Charles de Menezes so schnell ein zu hohes Scoring erzielen konnte, hat sicherlich etwas mit der gegenwärtigen relativen Hilflosigkeit des Staates gegenüber der neuen Form des Terrors zu tun. Es ist zu hoffen und zu fordern, dass sich die Methodik der Identifizierung von möglichen Tätern noch deutlich verbessert.

Voll normal

Filed under: Politisches - Rayson @ 9:58

Wer Mitleid mit den Bewohnern des südafrikanischen Simbabwe hat, muss sich wünschen, irgendein schlauer Kopf decke endlich die Verbindung von Robert Mugabe zur Bush-Regierung, US-Konzernen oder wenigstens Israel auf.

Es scheint nicht zu reichen, dass dieser Despot sein vormals gut versorgtes Land zunächst systematisch in den Hunger schickte. Hunger und Afrika, das ist ja normal, und dieses Problem wird schon durch Musiker gelöst, die Konzerte für mehr Entwicklungshilfe veranstalten.

Es ist auch nicht weiter schlimm, dass Mugabe die Opposition in seinem Land unterdrückt und Korruption und Vetternwirtschaft blühen lässt. Es gibt Schlimmere, tröstet Afrika-Experte Goswin Baumhögger.

Auch dass er jetzt auch noch Hunderttausende Menschen, die vorher in Armutsvierteln lebten und zufälligerweise eher der Opposition anhängen, ihrer Unterkunft beraubt, so dass sie gezwungen sind, auf das von seiner Partei gut kontrollierte Land zu ziehen, stört höchstens die UNO, nicht aber den typischen deutschen Streiter für Weltgerechtigkeit. Mugabe-Versteher Baumhögger bemängelt an der “Maßnahme gegen Kriminalität” höchstens das ungeschickte Timing.

Also alles im Lot. Ein bisschen Abfall ist eben immer, und so hat Mugabe seine Aktion denn ja auch wohl sehr treffend benannt. Ohne Verbindung zum Zionismus, Imperialismus oder Kapitalismus gibt es schließlich keine Täter und keine Opfer.

Diese Gedanken wurden inspiriert von einer ähnlichen Beobachtung im Streiflicht.

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