Kapitalismus und Feuilleton
Der Autor Jens Jessen hat im Feuilleton der “Zeit” einen Artikel über die “Zukunft des Kapitalismus” geschrieben. Was soll man hier den Verrissen von Statler & Waldorf oder im Streiflicht noch hinzufügen?
Eigentlich nichts. Man kann sie höchstens ergänzen. Ein entscheidendes Manko des Textes ist, dass er an keiner Stelle definiert, was “Kapitalismus” im Sinne des Verfassers eigentlich ist. Wenn man den Satz
Fest steht allerdings, dass die Zustimmungsraten für den Kapitalismus überall auf der Welt, und selbst in seinen westlichen Ursprungsländern, dramatisch gesunken sind.
liest, wird es offensichtlich. Ich jedenfalls hätte erhebliche Mühe, die Systeme der meisten europäischen Staaten als “kapitalistisch” zu bezeichnen. Das Formalkriterium des Privateigentums an Produktionsmitteln ist in diesen Ländern durch vielfältige staatliche Vorschriften längst durchlöchert bis weitgehend außer Kraft gesetzt. Tendenz unklar.
Ein wichtiger Ausgangspunkt der Jessenschen Argumentation scheint dieser Absatz zu sein:
Selbst die Wirtschaftsführer, die in den Talkrunden des Fernsehens sorgenvoll ihr Haupt wiegen, beteuern glaubwürdig, dass sie dem System des freien Marktes ausgeliefert und in ihren Entscheidungen ohne Spielraum seien. Sie wollen keine Massenentlassungen vornehmen, aber die Kapitalrendite fordere es; sie wollen keine Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, aber die Konkurrenz erzwinge es; sie wollen Firmen weder schließen noch ausweiden, aber die Börse mit ihrem unerbittlichen Blick auf den Aktienkurs mache es leider unausweichlich.
Das ist ein erstaunlicher Umstand. Die Beschreibung des Kapitalismus als System unausweichlicher Zwänge war in der Vergangenheit stets Sache der linken Kapitalismuskritik.
Das ist eine Fehldiagnose. Was die “Wirtschaftsführer in den Talkrunden” als Rechtfertigung nennen, sind keine “unausweichlichen Zwänge” im Marxschen Sinn. Es ist lediglich das Ergebnis des Zusammentreffens ihrer eigenen Wünsche mit denen vieler Anderer. Populäres Beispiel: Es gibt keinen Zwang für eine Bank, 25% Kapitalrendite zu erreichen. Es gibt aber auch keinen Zwang für ihre Eigentümer, ihre Anteile zu behalten. Und es gibt keinen Zwang, das aktuelle Management weiter zu beschäftigen. Weil aber die “Wirtschaftsführer” gerne ihre Jobs behalten möchten, sie die Wahrscheinlichkeit dazu eher bei der aktuellen Eigentümerstruktur sehen, und diese ihrer Meinung nach nur bei einer Eigenkapitalrendite über 25% vor größeren Änderungen verschont bleibt, ist für sie das, was sie tun, “unausweichlich”. Jeder beliebige Aktionär der Bank, und jeder beliebige andere Marktteilnehmer kann und wird das anders sehen. Ob die Analyse des Managements stimmte, wird der Markt zeigen. Vielleicht war das “Unausweichliche” auch nur schlicht ein Irrtum.
Von dieser aus Eigeninteresse und eigenwilliger Lagebeurteilung abgeleiteten “Unausweichlichkeit” der individuellen Entscheidung auf einen historische Determiniertheit zu schließen, erfordert schon eine gehörige Portion intellektueller Unverfrorenheit.
Ich verlange von keinem Feuilletonisten dieser Welt, sich mit den Grundlagen der Volkswirtschaftslehre beschäftigt zu haben. Aber dann sollte er bitte wenigstens nicht auch noch so tun:
Die Regeln des freien Marktes sind ihnen keine Regeln, die sich die Gesellschaft gegeben hat (und also auch wieder nehmen könnte), sondern ewige Kräfte, vergleichbar der Schwerkraft, gegen die aufzubegehren sinnlos ist.
Die Volkswirtschaftslehre hat spätestens seit Adam Smith, ausgehend von einigen wenigen Prämissen, Modelle aufgestellt, die ökonomisches Handeln beschreiben und erklären sollen. Es sind nur die Modelle übrig geblieben, die von der Realität nicht widerlegt wurden, und zwar systemunabhängig. Und die Konstanz, die hier zu beobachten ist, lässt in der Tat an naturwissenschaftliche Gesetze erinnern.
Das Konstrukt von “der Gesellschaft” ist in diesem Zusammenhang sehr erklärungsbedürftig. Setzt es den einheitlichen Willen aller voraus oder nur den Mehrheitsentscheid über die Minderheit? Wie uns die Realität der Staaten lehrt, die versuchen, die marktwirtschaftlichen Gesetze auszuhebeln, brechen diese sich in vielfältiger Form, bis hin zu den sog. Schwarzmärkten, Bahn. Das heißt also doch: Wer die Regeln des freien Marktes “nehmen” will, muss dies in absoluter, totalitärer Weise tun.
Unverständlich, warum Jessen sich dann in seiner eigenen, kunstvoll gewobenen Struktur verheddert und mit dem zu Beweisenden argumentiert:
Eine solche Behauptung ewiger Gesetze, nach denen sich die Zukunft vorhersagen lässt, ist nun freilich nach der klassischen Definition Hannah Arendts das wesentliche Kennzeichen aller totalitären Bewegungen.
Die Volkswirtschaftslehre behauptet weder, “ewige” Gesetze erkannt zu haben, noch, die “Zukunft vorhersagen” zu können. Sie stellt nur die für Ideologen wie Jessen vielleicht unangenehme These auf, dass, wer Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die empirisch zu belegen sind, negieren will, dafür sehr, sehr gute Gründe anführen sollte. Und die Vorhersage der Zukunft erschöpft sich in der einem kritischen Rationalisten nicht ungewöhnlichen, aber nichtsdestotrotz widerlegbaren These, dass morgen dieselben Gesetze gelten werden wie heute.
Nun kommt auch noch die vielleicht der alten Imperialismus-Theorie geschuldete These, “der Kapitalismus” müsse die für seine Existenz angeblich zwingend nötige konsumorientierte Wirtschaft notfalls mit Krieg verbreiten.
Nichts war dafür bezeichnender als das Triumphgeheul, das amerikanische Medien angesichts von Transistorradio hörenden, Coca-Cola trinkenden und Kaugummi kauenden Afghanen anstimmten; es schien für einen Augenblick, als sei der ursprüngliche Kriegszweck, die Befreiung von einem Terrorregime, vollkommen verblasst hinter dem Sieg westlicher Konsumkultur.
Die Erkenntnis, dass das Wachstum der Weltwirtschaft im Allgemeinen und das der USA im Besonderen von den afghanischen Konsumenten abhängt, hat Jessen allerdings exklusiv.
Auch die Kritik am Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie wird auf eher erbärmliche Weise vorgebracht:
Die souveräne Ausblendung des Umstands, dass der Kapitalismus bisher auch in Diktaturen blendend gedieh und vom Apartheid-Regime in Südafrika nicht ernstlich behindert wurde, zeigt vielleicht am deutlichsten, dass es hier nicht um Empirie, sondern um Demagogie geht.
“Der Kapitalismus gedeiht” in Diktaturen alles andere als “blendend”. Entsprechende Beweise bleibt Jessen vorsichtigerweise schuldig. Aber vielleicht hat er eine andere Definition von “blendend” als Sie und ich. Ich jedenfalls finde die besten kapitalistischen Erfolgsstorys fast ausschließlich in jenen Ländern, die freie Wahlen ermöglichen. Witzig finde ich dagegen den Bezug auf Südafrika. Tatsächlich, das Apartheid-Regime hat den Kapitalismus nicht “ernstlich behindert”. War das aus dessen Sicht etwa eine gute Entscheidung?
An einer anderen Stelle schimmert ein wenig der Grund für Jessens gepflegte Kapitalismus-Abneigung durch:
Hierin liegt der Grund für die eigentümliche Kulturfeindlichkeit des neuen Kapitalismus, der überall die intellektuellen und potenziell kritischen Formen der Hochkultur zugunsten einer dumpfen Massenunterhaltung unterbinden möchte (angeblich, weil die Hochkultur nicht konkurrenzfähig sei).
Der Mann hat einfach Angst um staatliche Kultursubventionen.
Aber Ahnung von Wirtschaft hat er definitiv nicht:
…dann erhält man die ziemlich genaue Charakteristik einer Firma, die sich nach Maßgabe des Shareholder-Values flexibel am Markt, das heißt sprunghaft, ungebunden und ohne jede Rücksicht auf Mitarbeiter und Kunden bewegen kann.
Den “Shareholder Value” erhöhen ohne Rücksicht auf Kunden - ich glaube, Millionen von Unternehmen würden Jessen diesen Königsweg gerne abkaufen. Ich übrigens - als mein eigener Shareholder - auch. Und dass man auf motivierte Mitarbeiter angewiesen ist, wird jeder wissen, der tatsächlich den Wert des Unternehmens erhöhen möchte.
Also - was bleibt von diesem Artikel? Für mich nur die Bestätigung, ein Blatt weitgehend zu ignorieren, dass sich solchen Quatsch leistet.
