Unfrisiertes

27.07.2005

Die Terroristen sind unter uns

Filed under: Kirchliches - Rayson @ 21:29

Der “Spiegel” hat eine neue Bedrohung unserer freiheitlichen Grundordnung ausgemacht. Einen “gefürchteten” “Gotteskrieger”, “Fundamentalisten” und “Hardliner”. Ein Fall fürs BKA? Sekunde.

Es geht um den Kölner Kardinal Meisner. Offensichtlich handelt es sich hier um einen wenig reformfreudigen Katholiken, doch dass er die Lehren seiner Kirche nicht vertreten würde, kann man ihm kaum nachsagen. Gut, ein wenig vorkonziliare Gesinnung mag schon auch im Spiel sein - nicht ohne Grund hat der Mann Probleme mit Kardinal Lehmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Interessant ist aber vor allem, welche Maßstäbe unser lieber “Spiegel” an katholische Bischöfe anlegt. Wer “Abtreibung, Gleichberechtigung für Homosexuelle und sexuelle Libertinage” nicht befürwortet, sondern sich sogar dagegen ausspricht, ist anscheinend semantisch schon auf das Niveau eines Osama bin Laden zu setzen. Ich weiß nicht, ob sich der “Spiegel” dessen bewusst ist, aber wer auch immer seine Mitgliedschaft in der römisch-katholischen Kirche hinreichend Ernst nimmt, kann nicht anders, als in diesen Punkten dem Kardinal Meisner beizupflichten.

Mir ist unverständlich, warum säkulare Linke bis Liberale von einer Institution wie der römisch-katholischen Kirche erwarten oder gar verlangen können, dass sie ihre Werturteile übernehmen solle. Das geht nicht ohne Selbstaufgabe, so einfach ist das. Eine Kirche, die sich nur dem Zeitgeist anpasst, hat nichts mehr mit Gott zu tun. Egal, wie man die Haltung der römisch-katholischen Kirche zu bestimmten Fragen beurteilt - als Christen können wir unsere Maßstäbe nur aus dem beziehen, was uns die Schrift und (so sieht es meine Richtung) die Tradition der Urkirche bezeugt. Und selbstverständlich kommen Christen auf dieser Basis durchaus zu anderen Auffassungen als der besagte Kardinal Meisner - nur müssen wir um Verständnis bitten, dass wir nicht jede gesellschaftlich herrschende Auffassung deswegen gleich voll und ganz übernehmen. Damit müssen wir und der “Spiegel” vielleicht leben.

Dass die Wortwahl des Artikels und die kaum versteckten Seitenhiebe des Autors den Meisnerschen Konservatismus gerade in diesen Tagen in die Nähe islamistischer Selbstmordattentäter rücken, ist für alle Gegner des Kardinals ein herber Rückschlag. Für solche Freunde können sich kritische Katholiken nur bedanken.

14 Comments »

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  1. Ich halte den vom Spiegel gezogenen Vergleich für nicht allzu abwegig.
    Ich denke, dass die ganz grundlegende ideologische Basis des Hasses der Islamisten gegenüber dem Westen nur oberflächlich der Islam ist (der eignet sich nur gut als rechtfertigende Schriftlehre).
    An der Basis erkennt man unzweideutig eine Feindschaft gegenüber der Moderne mit all ihren Freiheiten und all ihrem unbeherrschbarem Individualismus. Ziel dieser totalitären Denker ist eine Vergemeinschaftung der Individuen unter einer Idee, einer Religion.

    Ein Herr Meisner, der Homosexualität und Freiheiten der Moderne als Feindbilder aufbaut, ist von dieser Untergrundströmung gegen die Moderne meiner Meinung nach nicht weit entfernt.

    Dass er damit evtl. der katholischen Lehre treu bleibt, kann nur dem Entschuldigung sein, der diese Lehre als befürwortenswert an sich betrachtet.

    Comment by Boche — 28.07.2005 @ 7:15

  2. Ein Herr Meisner, der Homosexualität und Freiheiten der Moderne als Feindbilder aufbaut, ist von dieser Untergrundströmung gegen die Moderne meiner Meinung nach nicht weit entfernt.

    Das halte ich für eine sehr gewagte Aussage. Ich sehe da schon einen gewaltigen Unterschied zwischen jemanden, der die Übernahme moderner Werte ablehnt (”Feindbild” ist aus meiner Sicht weit übertrieben”) und aus dieser Meinung kein Hehl macht, und jemandem, der aus seiner Ablehnung die Konsequenz der gewaltsamen Beseitigung der von ihm als solche empfundenen Mängel zieht.

    Der Eine handelt durchaus kompatibel zu einer liberalen Gesellschaft, der Andere deutlich nicht. Eine liberale Gesellschaft muss meines Erachtens genausowenig “modern” wie “konservativ” sein. Sie muss im Prinzip eigentlich gar nichts sein außer frei.

    Dass er damit evtl. der katholischen Lehre treu bleibt, kann nur dem Entschuldigung sein, der diese Lehre als befürwortenswert an sich betrachtet.

    Das ist nicht der Punkt. Der “Spiegel” versucht, Meisners Positionen als Verirrungen eines Einzelnen darzustellen und ihn damit in seiner üblichen Art ein wenig herunterzuschreiben. Wenn er eine Debatte darüber angestoßen hätte, welchen Sinn und Stellenwert heute eine Gemeinschaft hat oder haben kann, die darauf besteht, ihre Werte bewusst nicht der Zeit anzupassen, hätte ich das vielleicht noch verstanden. Wenn er die rom-zentristische Ausrichtung der römisch-katholischen Kirche schlechthin kritisiert hätte, noch mehr. Aber Meisner gedanklich von seinem Hintergrund und Umfeld quasi zu isolieren, nur weil Personalisierung nun einmal journalistisch dankbarer ist, das halte ich für etwas unseriös.

    Comment by Rayson — 28.07.2005 @ 9:44

  3. “Ich sehe da schon einen gewaltigen Unterschied zwischen jemanden, der die Übernahme moderner Werte ablehnt … und aus dieser Meinung kein Hehl macht, und jemandem, der aus seiner Ablehnung die Konsequenz der gewaltsamen Beseitigung der von ihm als solche empfundenen Mängel zieht.”

    Stimmt natürlich.
    So lange auf die gewaltsame Durchsetzung der freiheitsfeindlichen Ideen verzichtet wird, gibt es einen bedeutsamen Unterschied:
    Wo der eine kritisiert und damit das freiheitliche System in seinen systemeigenen Funktionen nutzt, will der andere System samt Funktionen beseitigen.

    Trotzdem meine ich, dass zumindest eine ideelle Nähe gegeben ist, wenn Meisner und Islamisten gegen die Moderne angehen. Die katholische Opposition ist nur im Laufe der Entwicklung in das System integriert worden.
    Das steht der islamischen Opposition noch bevor.

    Comment by Boche — 28.07.2005 @ 11:54

  4. Trotzdem meine ich, dass zumindest eine ideelle Nähe gegeben ist, wenn Meisner und Islamisten gegen die Moderne angehen.

    Natürlich - die “ideelle Nähe” ist das Bestehen auf universelle und zeitlose Werte, wie es für monotheistische Religionen üblich ist. Diese Nähe habe ich dann auch zu Osama bin Ladin.

    Der entscheidende Unterschied liegt für mich darin, ob die Religion oder die religiöse Gemeinschaft einen Machtanspruch erhebt und somit Recht und Freiheit bedroht.

    Comment by Rayson — 28.07.2005 @ 12:51

  5. “Natürlich - die “ideelle Nähe” ist das Bestehen auf universelle und zeitlose Werte, wie es für monotheistische Religionen üblich ist.”

    Nicht nur dass: Diese Werte werden der Freiheit des Individuums übergeordnet.

    “Der entscheidende Unterschied liegt für mich darin, ob die Religion oder die religiöse Gemeinschaft einen Machtanspruch erhebt und somit Recht und Freiheit bedroht.”

    Wie ich ja sagte: Das ist tatsächlich der Unterschied.
    Die katholische Kirche argumentiert gegen die Freiheit, zeigt aber keine gewaltsamen Bestrebungen, sie zu beseitigen.
    Das ist tatsächlich besser als das, was die anderen Freiheitsfeinde treiben.

    Comment by Boche — 28.07.2005 @ 13:12

  6. Moment, die katholische Kirche argumentiert definitiv nicht gegen die Freiheit. Von Meisner stammt auch der kluge Satz “Nichts ist dümmer, als Mitglied in der katholischen Kirche zu sein und sich gleichzeitig darüber zu ärgern.” Die Entscheidung für oder gegen diese Kirche mit ihrer Hierarchie und ihren Lehrsätzen ist jedem Einzelnen frei gestellt, daran will nicht einmal der Opus Dei etwas ändern. Aber sich erst für die katholische Kirche zu entscheiden und dann von ihr zu verlangen, ihre zentralen Lehrsätze aufzugeben — das ist schon absurd, oder?

    Comment by statler — 28.07.2005 @ 13:21

  7. Die Freiheit des erwachsenen Individuums, z.B. seine sexuelles Leben mit ebenso erwachsenen Individuen nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten, wird von der katholischen Kirche also akzeptiert?
    Oder doch nur (zwangsweise?) toleriert, während man dagegen agitiert?

    Comment by Boche — 28.07.2005 @ 13:33

  8. Statler spricht da einen Punkt an, der auch mich ärgert - obwohl vielleicht eher von der anderen als der von Meisner gemeinten Seite: Ich bin ja einer der ehemals römischen Katholiken, der aus seinem Dissenz die Konsequenz gezogen hat. Es geht also, und es tut nicht einmal weh.

    Boche, natürlich akzeptiert die römisch-katholische Kirche deine Freiheit, so zu leben wie du willst. Wenn du es akzeptierst, dass sie dich dann nicht zu den Christen zählt oder dir keine Hoffnungen in Sachen ewiges Leben machen kann. Und dass sie das von dir präferierte Verhalten vielleicht mit wenig schönen Worten belegt, aber das steht dir (und mir) umgekehrt ja auch frei.

    Comment by Rayson — 28.07.2005 @ 14:13

  9. “Und dass sie das von dir präferierte Verhalten vielleicht mit wenig schönen Worten belegt,…”

    Nett ausgedrückt. ;-)
    Ich hatte es Agitation (gegen die individuelle freie Entscheidung) genannt.
    Kommt aber wohl aufs dasselbe raus.

    Comment by Boche — 28.07.2005 @ 14:18

  10. Kommt aber wohl aufs dasselbe raus.

    Man mag es “Werbung” oder “Agitation” nennen, das ist eine Frage der persönlichen Einstellung. Wichtig ist aber, dass es hier nicht darum geht, den Einzelnen wegen seiner Entscheidung zu verurteilen (dazu neigen manche Kirchenvertreter leider), sondern ihn davon zu überzeugen, dass seine Wahl unter Umständen schlecht war und eine andere für ihn und seine Umwelt besser gewesen wäre. Das darf die römisch-katholische Kirche aus meiner Sicht ebenso wie jedes x-beliebige Unternehmen.

    Comment by Rayson — 28.07.2005 @ 16:29

  11. Du schaffst es immer wieder, mich an die Wand zu argumentieren…! ;-)

    Aber es ist sicher dieser Ton des moralischen Verurteilens, der mich stört.
    Ihn hört man eben auch aus den islamistischen Verurteilungen “westlicher Dekadenz” heraus.

    Comment by Boche — 28.07.2005 @ 17:29

  12. Du schaffst es immer wieder, mich an die Wand zu argumentieren…!

    Glaub ich nicht :-)

    Moralisch Urteilen ist schon schwer genug, und moralisch Verurteilen steht den allermeisten Menschen nicht zu, ob sie nun Purpurmäntel tragen oder nicht.

    Comment by Rayson — 28.07.2005 @ 18:18

  13. Ich glaube, daß diejenigen, die sich von der katholischen Kirche kritisiert fühlen, da auch oft überempfindlich sind. An der Person festgemachte Kritik betrifft nämlich ohnehin in der Regel nur Leute, die ein Amt in der Kirche bekleiden — die Drewermanns dieser Welt, die eben ihr Amt verlieren, wenn sie sich von den Lehrsätzen der Kirche verabschieden. Ansonsten verfährt man nach dem Prinzip “Die Sünde hassen, die Sünder lieben”. Der gleiche kirchliche Würdenträger, der in einem Moment noch von der Kanzel eine flammende Rede gegen Ehebruch oder Homosexualität hält, wird im nächsten Moment im Beichtstuhl einem Ehebrecher oder einem Homosexuellen die Absolution erteilen. Das ist eben auch noch ein wesentlicher Unterschied zum Islam: Auch der fundamentalistischste Katholik wird nachsichtig und verständnisvoll gegenüber denen sein, die in seinen Augen Sünden begehen — denn er weiß ja, daß er selbst ständig welche begeht. Aber diese Unterscheidung zwischen Sünde und Sünder wird in der breiteren öffentlichen Diskussion eigentlich auch nicht mehr verstanden. Leider.

    Comment by statler — 28.07.2005 @ 19:24

  14. Ja, das Prinzip “Die Sünde hassen, die Sünder lieben” ist eines, das ich für ein wesentliches christliches halten würde. Und ich stimme auch darin zu, dass das zutiefst humane Institut der Beichte meist eher von seinem Missbrauch als von seinem Sinn her verstanden wird.

    Ich bin mir aber nicht so sicher, ob wirklich alle römisch-katholischen Kirchenoberen das auch so praktizieren. Bei Meisner habe ich da wirklich Zweifel - natürlich ohne konkrete Erfahrungen beisteuern zu können.

    Comment by Rayson — 28.07.2005 @ 19:54

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