Sie sind mitten unter uns
Es ist ja nachvollziehbar, dass Linke, die sich und ihre Forderungen in der öffentlichen Diskussion nicht ausreichend gewürdigt sehen, nach Gründen dafür suchen. Ich verstehe auch ihr Problem, dass immer mehr Menschen, denen man gemeinhin ein gewisses Fachwissen zutraut, unabhängig von ihrem individuellen Hintergrund zu einander ähnlichen Erkenntnissen kommen, die leider den Nachteil haben, nicht so richtig das zu sein, was sich manche Linke unter “anständig links” vorstellen, also damit “neoliberal” genannt werden müssen.
Man mag mich naiv nennen, aber wenn ich mich in einer solchen Situation sähe, wäre das zumindest ein Ansatz, die eigene Argumentation etwas zu überprüfen und vielleicht durch neuere Erkenntnisse anzureichern, ohne die grundsätzlich dahinter stehende Motivation aus dem Auge zu verlieren. Geschieht das nicht, besteht die Gefahr, dass die eigene Gedankenwelt von der Wirklichkeit konsequent abgeschottet und man dadurch auf Dauer diskusssionunfähig (geschweige denn zuhörenswürdig) wird. Ich habe sie doch noch im Ohr, die Sprüche der Konservativen in den 70ern, wenn sie sich von den “roten Medien” verfolgt und belogen sahen, die da den bedauernswerten Helmut Kohl immer aus unmöglichen Perspektiven fotografierten und ansonsten der armen, unwissenden Bevölkerung mit teils mehr, teils weniger subtilen Methoden den Marxismus-Leninismus schmackhaft machten. Gerichte, Schulen, Verwaltungen - alles unterwandert von der EsPeDe.
Das gibt es offensichtlich nunmehr auch als linke Variante. Der Wunsch, hinter der öffentlichen Popularität nicht orthodox linker, also “neoliberaler” Meinungen dunkle Mächte am Werk zu wissen, hat sich jetzt wohl endlich in einem konkreten Feindbild materialisiert. Hinter allem steckt der Arbeitgeberverband Gesamtmetall mit der von ihm großteils finanzierten “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft”. Damit lassen sich nun seelenfriedenschonend die unliebsamen Meinungen durch Korruption und Manipulation erklären: Die heile Welt der eigenen Meinungsschmuckkästchen ist wieder gerettet, und wer etwas anderes behauptet, kann zum Glück eindeutig als Charakterschwein oder fehlgeleitetes Schaf identifiziert werden. Na ja, ich komme sowieso mehr und mehr zu der Überzeugung, dass das Greshamsche Gesetz auch für den politischen Diskurs gilt.
Wer zuerst auf die glorreiche Idee gekommen ist, weiß ich natürlich nicht, aber von seinem Denkmuster her wäre Albrecht Müller mein Favorit. Irgendwann zog auch mal der Deutschlandfunk nach (via Wirtschaftsweiser), und jetzt Plusminus (ARD), alles unter dem erleichterten Beifall in Teilen der linken Bloggerszene. Gut, so ein Verschwörungsplot ist natürlich viel unterhaltsamer als das Argumentieren mit wirtschaftlichen Begriffen, zumal wenn er durch seine Aufdeckung auch ein allgemeines Happy End verspricht: Schaut her, die Lage ist gar nicht so, wir wurden nur von Aliens hinters Licht geführt!
Aber, liebe Linke, Journalisten und linke Journalisten: Wenn ihr euch schon entschlossen habt, mit der billigsten aller möglichen Münzen zu zahlen (ist ja auch Wahlkampf, da darf man das), dann tut es bitte etwas weniger peinlich als Plusminus. Wenn ich denn schon so argumentiere, dass eine Meinung, deren Verbreitung von interessierter Seite finanziert wird, immer notwendigerweise eine manipulative Kampagne darstellt, dann würde ich als Kronzeugen vielleicht nicht gerade einen Professor aufstellen, der aus seiner von der Hans-Böckler-Stiftung finanzierten Studie berichtet. Und ich würde nicht gerade durch polemische Verzerrungen und unsauber verwendete Begriffe den Eindruck erwecken, als argumentierte ich vom Ergebnis her.
Gedankennotiz: Auch das niedrigste Blogger-Niveau kann von ARD-Sendungen noch unterschritten werden…
(aufmerksam gemacht durch Dirk Maxeiner in der Achse des Guten)

och naja, also das interessenverbände versuchen ihre interessen bestmöglichst durchzusetzen und sich selbst bestmöglichst positionieren ist ja nix neues.
das es öffentlich thematisiert wird, ist hingegen neu.
die art und weise des ganzen ist wohl geschmackssache, aber es sollte eigentlich jeder für sich selbst in der lage sein den gesamtkomplex zu beurteilen.
Comment by wirtschaftsweiser_ch — 4.09.2005 @ 15:08