Unfrisiertes

5.09.2005

Das wichtigste Ereignis des Wochenendes

Filed under: Kurioses - Rayson @ 16:28

… war natürlich das Fußball-Länderspiel gegen die Slowakei, das mit 0:2 verloren wurde. Wieder wurde mein Flehen nach einem alternativen Kommentator auf dem zweiten Kanal nicht erhört, und um meine Verzweiflung noch zu steigern, gaben Beckenbauer und Kerner um das Spiel herum auch noch eine Bewerbung als Statler & Waldorf (der Blog möge mir verzeihen) für die nächste Auflage der Muppet-Show ab.

Ich bin ziemlich sicher nicht der größte Fußball-Experte unter der Sonne, aber was insbesondere das Fernsehen um die deutsche Nationalmannschaft veranstaltet, ist viel peinlicher, als es jeder Auftritt der Kicker je werden könnte.

Was war denn die Ausgangslage? Die letzte Europameisterschaft zeigte, dass die bisher von den deutschen Mannschaften “gepflegte” Art, Fußball zu spielen, hoffnungslos überholt war. Der neue Bundestrainer Klinsmann versuchte einen kompletten Neuanfang, indem er Personal und Stil in großen Teilen änderte. Wichtiges Element seiner Personalpolitik ist dabei der gegenseitige Konkurrenzkampf auf allen Positionen, was deutsche (insbesondere bayerische) Gewohnheiten mächtig ins Schleudern brachte. Dass Klinsmann dabei auf die Jugend setzen musste, dürfte allen klar gewesen sein. Die letzten Auftritte von Hamann und Wörns haben gezeigt, dass man einem alten Hund keine neuen Tricks mehr beibringen kann.

Offensichtlich hat sich aber das deutsche Fernsehen von der selbsterzeugten Confed-Cup-Hysterie anstecken lassen und reagiert jetzt, da der von Klinsmann immer wieder prophezeihte Rückschlag endlich eingetreten ist, und zwar zu einem durchaus nachvollziehbaren Zeitpunkt, - man kann es nicht anders sagen: - beleidigt. Da werden jungen Burschen um die 20 Jahre, die vor einem Jahr noch in Amateurligen gespielt haben, indidividuelle Fehler vorgeworfen, statt sich zu wundern, dass diese so lange auf sich warten gelassen haben. Da wird an einem Torwart herumgenörgelt, der sich erdreistet hat, sich zu WM-Start die Position als Nummer Eins zum Ziel zu setzen, wo dieser Anspruch doch - so Beckenbauer und Kerner gemeinsam feixend - nie aus London, sondern immer nur aus München heraus geäußert werden darf. Da wird es zur nationalen Katastrophe und zum Beweis von Klinsmanns Unvermögen, dass Oliver Kahn am Tag des Spiels golft, als ob mit ihm auf der Bank auch nur irgendetwas anders gelaufen wäre. Da kichert Kerner schulterklopfend Beckenbauer an, das Wechselspiel auf der Torwartposition würde ja höchstens dann sinnvoll sein, wenn einer von beiden dadurch besser werden würde, was aber nicht der Fall sei - eine Sicht, die unsere beiden Nachwuchspuppen wohl exklusiv hatten. Da klagen Reporter und Moderatoren den Bundestrainer an, an seinem Anspruch, Weltmeister im eigenen Land werden zu wollen, nach wie vor festzuhalten. Soll Klinsmann vielleicht die WM-Qualifikation als Ziel ausgeben oder seine Jungs mit dem Erreichen des Achtelfinales “motivieren”?

Irgendwie scheint da ein kollektiver Fall von Realitätsverlust vorzuherrschen. Das Beste, was Klinsmann bis zur WM hinkriegen kann, ist, eine einigermaßen konkurrenzfähige Truppe aufzustellen, und dann darauf zu hoffen, dass eine Kombination aus jugendlichem Sturm und Drang und Rückhalt des Publikums den in ein paar Jahren unmöglich wettzumachenden Vorsprung wirklich guter Mannschaften wie Brasilien, Argentinien oder den Niederlanden weitgehend kompensieren kann.

Und wir wollen eins nicht vergessen: Was haben die Trainer der Vereine, in denen ein erheblicher Teil der Spieler ja noch nicht einmal einen Stammplatz sicher hat, ihren Schützlingen wohl mit auf den Weg gegeben? “Hängt euch rein, gebt alles, und wenn ihr mit einer Verletzung zurück kommt, halb so schlimm - ich halte euch wegen eures Einsatzes fürs Vaterland einen Platz frei?”

Warum können diese Hysteriker, die sich selbst als Journalisten bezeichnen, nicht einfach mal Dinge so nehmen, wie sie sind und einfach vor allem informieren, statt uns ihre Meinung ungefragt permanent auf berühmte Butterbrot zu schmieren?

2 Comments »

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  1. Ich stimme dir in allen Punkten zu.

    Comment by dointime — 5.09.2005 @ 17:36

  2. Und es betrifft nicht nur den Fußball – es betrifft die gesamte öffentlich-rechtliche Sport-Berichterstattung. Ein einziges Grausen wohin man schaut.

    Comment by Björn Gießler — 5.09.2005 @ 18:40

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