Ein Lehrstück ist gerade bei DaimlerChrysler zu beobachten. Nachdem sein Mentor Schrempp gegen Ende des Jahres den Weg in die Wüste antreten wird, in die er vom Aufsichtsrat geschickt wurde, und er selbst nicht zu dessen Nachfolger ernannt wurde, entschloss sich Protégé Eckhard Cordes dazu, den Lafontaine zu machen, obwohl Mercedes, dessen Leitung er innehat, sich am Anfang eines schwierigen Sanierungsprozesses befindet.
Zunächst gab es noch eine gewundene Erklärung, die den Anschein erwecken wollte, dies geschehe aus Interesse des Unternehmens heraus. Angeblich gefährde die Ernennung eines Anderen zum Konzernchef den Erfolg der Sanierung, weil seine Position dadurch geschwächt sei, ließ Cordes wissen, und zeigte damit nur, in welchen Gedankenwelten sich Topmanager bewegen. Später dominierte das John-Wayne-Motto, das Weltunternehmen DaimlerChrysler sei zu klein für Cordes und Zetsche, dem neuen Boss. Jedenfalls scheint Cordes schon mal die Brücken hinter sich abzubrennen.
Anstelle von DaimlerChrysler würde ich jetzt meine PR-Agentur feuern und die Personalabteilung kräftig abspecken, denn welcher Mitarbeiter glaubt nach einem so leuchtenden Beispiel noch die blumigen Worte in Mitarbeiterzeitschriften und die herzergreifenden Appelle auf Belegschaftsversammlungen, es gäbe noch so etwas wie ein “wir” in diesem Unternehmen, das indentifikationsstiftend wirken könnte. Cordes hat es dankenswerterweise demonstriert: Den heutigen Hochglanz-Managern geht es um Macht und Geld, der Rest geht ihnen am wohltrainierten Allerwertesten vorbei. Führen durch Beispiel, heißt es doch.
Insider wissen allerdings schon lange, dass Topmanager mindestens 80% ihrer Zeit allein dafür aufwenden, ihre eigene Position zu sichern und auszubauen. Das jeweilige Unternehmen ist dafür nur die Kulisse. Die Eigentümer deutscher Aktiengesellschaften sind also offensichtlich in ihrer Mehrheit ziemlich dämlich oder masochistisch veranlagt, wenn sie solche Primadonnen ihre Unternehmen leiten lassen. Oder sollten, welch ketzerischer Gedanke, die eigentlichen Eigentümer gar nicht das Sagen haben? Vielleicht sind Gebilde wie DaimlerChrysler schon viel zu groß, um diese Art Spielchen vermeiden zu können?
Aber ich gebe zu: Die Naivität hat mich auch im Griff. Ich erwische mich dabei, Dieter Zetsche für einen fähigen und sympathischen Manager zu halten, der vielleicht etwas weniger karriereorientiert arbeitet und denkt als das Gros seiner Kollegen. So weit, dass ich Aktien oder gar Fahrzeuge von DaimlerChrysler käuflich erwerben würde, geht mein Leichtsinn aber dann doch nicht…